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Dexter - Yung Boomer 2xLP

Dexter - Yung Boomer 2xLP
Der Einstieg: eine Straßenecke im dicht besiedelten Stuttgarter Westen. Ein großgewachsener Blondschopf parkt den Familienkombi am Randstein, den Maxi-Cosi noch auf dem Rücksitz. Er steigt aus, macht sich ein Getränk auf und die Anlage an. Wenn Dexter, der Rapper und Produzent, zurück an der "Corner" ist, hat das nicht viel mit Kleinkriminellen-Klischees und Gucci-Gehabe zu tun. Vielmehr mit der Rückbesinnung auf die Kunst, die ihn schon seit frühester Jugend begleitet, und mit einer Rückkehr ins gute Leben, das er jetzt, nach ein paar einschneidenden Veränderungen, mit voller Absicht in den Mittelpunkt stellt. "Yung Boomer" ist das Album zu diesem Leben. Aber, man ahnt es schon: All das kommt nicht aus dem Nichts. Dexter war in den letzten 10 Jahren als Produzent an Platin-Alben von Cro und Casper beteiligt, er verantwortete zwei erfolgreiche Fatoni-Alben ebenso wie zahllose Kollabos und Untergrund-Projekte. Solo und mit der Producer-Supergroup Betty Ford Boys war er wegweisend für das neue Selbstbewusstsein einer ganzen Generation hiesiger HipHop-Beatmaker - weniger Dienstleister, mehr Aufmerksamkeit. Dass er selbst einmal als Rapper angefangen hatte, geriet dabei oft in Vergessenheit. Erst "Haare nice, Socken fly" (2017) war sein erstes echtes Rap-Soloalbum. Für Dexter war Musik nie alternativlos. Nach abgeschlossenem Medizinstudium arbeitete er als Kinderarzt in einer Stuttgarter Klinik und schob endlose Nachtschichten zwischen Schlafentzug und Notkaiserschnitt, um sich Freizeit für eigene Shows und Touren zu sichern. Außerdem wurde er Familienvater – sein erster Nachwuchs eröffnete schon "Haare nice ..." offensiv mit der Ansage: "Papa ist der beste Rapper." Daher also der VW Caddy am Straßenrand. 2019, mit Mitte dreißig, traf Dexter schließlich den Entschluss, den andere Rapper in diesem Alter längst wieder in Frage stellen, und drückte die Pausetaste für den Arztberuf. Weil er es dann doch ganz genau wissen wollte: Was passiert, wenn er sich auf die Musik als Hauptberuf konzentriert und jeden Tag in sein Studio geht, sobald die Kids in der Kita sind? Grown-Man-Rap ist ein schwieriger Begriff. Gerade wenn man so ein inhärent junges Mindset transportiert wie Dexter und einen so progressiven Soundentwurf verfolgt wie auf "Yung Boomer". Die Gelassenheit, die aus jeder Strophe spricht, ist jedenfalls unmissverständlich und zeugt von einer gesunden Distanz zur Szene - ebenso aber von einer intimen Kenntnis der Materie Rap, mit allen Höhen und Tiefen. Wenn Dexter plakativ "Ich geh nicht in den Club" wiederholt ("Luft"), trifft das auf mehreren Ebenen zu. Es geht um die Unlust auf stumpfe Feier-Rituale des Nachtlebens, um die Erinnerung an distanzlosen Smalltalk mit Kräuterlikör-Fahne im Gedränge. Aber es geht auch um den überaus erfolgreichen Deutschrap mit seinem Testosteronüberschuss und Koksproblem. Dexter sucht also lieber das Weite und findet es ganz nah bei sich: Grauburgunder und Jogginghose, Studio und Familie. Das gute Leben eben. Dexter verzichtet liebend gern auf das Dazugehören, weil er seine Mitte schon gefunden hat. Dass das bisweilen bürgerlich anmuten kann - Hashtag Boomer -, nimmt er gern in Kauf, denn nur in diesem Leben konnte er gemeinsam mit Rap erwachsen werden. Dexter sagt sich von einer oft toxischen Beziehung zur Szene los und verschreibt sich der stetigen Entwicklung, persönlich wie musikalisch. Auf "Yung Boomer" treffen Synth-Flächen und detailreiche Trap-Beats immer wieder auf ausgefuchste Chord-Strukturen, die näher an Jazz sind als an Playlisten-Massenware. Alles dient dem Zweck, für sich selbst das spannendste Album zu konstruieren. Die Auswahl seiner Gäste untermauert das: Hier die Hype-Helden Lugatti & 9ine ("Kombi nicht normal"), da Fatoni und der junge Yrrre mit einer Hymne auf Deutschrap-Hassliebe und Release-Radar ("Freitag") und dort die Battlerap-Kings zweier Generationen, Lakmann und Döll ("Kontrolle"). Realness, das ist noch so ein schwieriger Begriff im Rap. Dexter gelingt es, ihn für sich positiv umzudeuten und eigene Regeln aufzustellen. Als Familienvater und Musiker, als erwachsener Fan und Protagonist einer ewigen Jugendkultur und als ein Junge aus Süddeutschland, in dessen Sozialisation "Bierbong"-Unfug ebenso präsent war wie "Menace II Society". Mit dem entwaffnend offenen letzten Song des Albums geht Dexter diesen Weg konsequent weiter: Auf "Apoplex" spricht er zum ersten Mal über einen Schlaganfall, den er während eines DJ-Gigs erlitt und der ihn für einige Zeit aus dem Verkehr zog. Seitdem ist vieles anders, bewusster und klarer. Prioritäten lenken Leben. "Yung Boomer" ist Dexter vom ersten Ton bis zur letzten Silbe, ein Goldjunge mit Stilbewusstsein, Lebenserfahrung und neuem Fokus. Es ist schön zu erleben, dass deutscher Rap das jetzt kann. Dieser Boomer ist okay.
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